Pizzaburger und Chia-Samen

23.09.2017, Food
23

Bioläden und die Foodie Community erwecken den Eindruck, als hätten wir uns nie besser ernährt als heute. Das ist falsch, denn unsere Essgewohnheiten sind gestörter denn je. Zwischen Healthfood, Körperoptimierung und Kalorienbomben, die als cool gelten: Vor allem für die Jugend ist die Ernährung verwirrender denn je.

Gesunde Ernährung passiert heutzutage nicht wie von selbst, ganz im Gegenteil. Wer von den Unverschämtheiten der Lebensmittelindustrie verschont werden möchte, muss achtsam sein, etwas mehr Geld ausgeben, auch Zeit investieren. Schon Erwachsene scheitern daran, sich nicht mit Mist vollzustopfen, wie sollen es dann erst Jugendliche schaffen?

Unser gesundheitlicher Zustand ist besorgniserregend. Deutschland sollte eine Diät machen. Laut dem Statistischen Bundesamt hat mehr als die Hälfte der Deutschen Übergewicht. Fällt einem gar nicht so auf, wenn man sich auf der Straße umsieht, ist aber so.

Bei den Kindern und Jugendlichen sind es je nach Bundesland 15 Prozent, die zu dick sind und somit einen schlechten Start in das ohnehin nicht einfache Erwachsenenleben bekommen. Stoffwechselkrankheiten, erhöhtes Risiko für Diabetes oder Depressionen sind Folgen früher Fettleibigkeit – dazu kommt die soziale Ausgrenzung.

Wer jung ist, interessiert sich nun mal nicht für gesunde Ernährung. Nicht nur, weil das Thema oft mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. In jungen Jahren ist man sich der eigenen Vergänglichkeit noch nicht bewusst. Die Angst vor dem Alter, der Wunsch, den Körper möglichst lange in jugendhafter Optik zu bewahren, der Versuch das eigene Ende möglichst

weit nach hinten zu schieben – das alles kommt erst später. Teenager haben andere Probleme.

Es ist die Verantwortung und die Aufgabe der Erwachsenen, die jungen Generationen an eine gesunde, bewusste, nicht-neurotische Ernährung heranzuführen, doch Eltern, Lehrer

und auch Politiker versagen auf voller Linie. Der Speiseplan vieler Erwachsener in diesem Land ist ja auch zum Hände- über-dem-Kopf-Zusammenschlagen.

Die einen essen zu viel Fleisch und Zucker, dafür kaum Obst und Gemüse, die anderen machen auf Gwyneth Paltrow und fürchten sich vor Pasta, Brot oder Joghurt, greifen stattdessen zur Seealge und zum Chia-Samen.

Erwiesenermaßen existiert ein Zusammenhang zwischen Bildung und Ernährung, und auch wenn wir in einem entwickelten Land leben, ist unser Wissen, was Ernährung angeht, unterentwickelt: Sowohl der Fan des mit Medikamenten vollgepumpten Schweinekoteletts, das weniger als einen Euro kostet, als auch die Biomarkt-Mutti aus der Quinoa- Sekte, die ihre Kinder vegan ernährt, haben keine Ahnung, was gesund ist. Zugleich tut die Lebensmittelindustrie alles in ihrer Macht stehende, um uns Menschen mit präparierten Lebensmitteln und Zuckergetränken zu vergiften.

Ich kann mich noch gut an den Inhalt des Kühlschranks erinnern, als ich jünger war, bei meinen Eltern lebte und für mein Essen nicht verantwortlich war. In ihm gab es aus Teenagersicht kaum etwas Interessantes zu holen, nur Rohmaterialien, aus denen erst einmal etwas gekocht werden musste. Fertiggerichte waren ein No-Go, Fleisch bekamen wir vom Bauern aus der nordrheinwestfälischen Provinz.

Zu McDonalds durften wir zweimal im Jahr. Auch wenn die Slow-Food- Bewegung erst im Jahr 1989 erfunden wurde, meine Mutter war schon damals eine Slow-Food-Verfechterin. Oft ging ich mit ihr zum Foodshopping, und wenn sie mir erklärte, wie man erkennt, dass eine Melone reif und süß ist, oder dass Auberginen und Tomaten aus Holland nicht schmeckten, hörte ich nur mit halbem Ohr zu. Teenager eben.

In den 80er- und 90er-Jahren war man scheinbar weniger besessen vom Thema Essen, und doch ernährte man sich besser. Bodyshaming war noch nicht so präsent wie heute, niemand sprach auf dem Schulhof über Diäten und Essneurosen. Nur diejenigen, die ein Auslandsjahr in den USA gemacht hatten, kamen entweder in Supersize- Version oder kritisch magersüchtig wieder – ansonsten gab es keinen Fetisch um die Figur. Heutzutage empfinden schon junge Mädchen ihren Körper als Feind und Bedrohung – schon im Grundschulalter werden Diäten gemacht, später Mahlzeiten wie das Frühstück gestrichen.

Es gab kein Food-Nerdism, keinen Hype um bestimmte Lebensmittel, kein Superfood. Keine Burger in Gourmet- Version und keine Webseiten wie Buzzfeed Food, die Rainbow Bagels oder Unicorn Cupcakes als neuesten Trend feierten. Opulente Rezepterfindungen sind modern, man geht in die Extreme: meterhohe Sandwiches, Burger, die frittiert werden, Torten aus Pizza, Milchshakes wie Installationen. Es muss verwirrend sein, heute aufzuwachsen, die extreme Körperdiktatur auf der

einen Seite, kreative Kalorienbomben, die als cool gelten, auf der anderen.

Glaubt man Jamie Oliver, ist übermäßiger Zuckerkonsum die Hauptursache, warum junge Menschen immer dicker und kränker werden. Der britische Superkoch hat mit seinem Einsatz und seinem öffentlichen Kampf gegen Süßgetränke tatsächlich erwirkt, dass in Großbritannien bald eine Zuckersteuer auf Softdrinks erhoben wird. Das Geld soll in den Schulsport gehen. Ein ähnliches Modell könnte

für Deutschland auch funktionieren – nur sieht das Bundesernährungsminister Christian anders und argumentiert vehement dagegen. Seine Idee: ein Schulfach für gesunde Ernährung. „Das kleine Einmaleins der Ernährung muss im Unterricht verankert werden, am besten als eigenes Schulfach“,

sagt er. Vielleicht eine gute Idee, aber dann sollten die Seealgen-Mütter und Schweinekotelett-Väter doch auch gleich daran teilnehmen.

Text: Violet Kiani
Fotos: Antje Peters
Pizzaburger und Chia-Samen ist in der Numéro Berlin No.2 erschienen.

Fine Dining im Berliner Hinterhof

Im eleganten Hotel Zoo, am Berliner Kurfürstendamm, verbirgt sich ein weiterer kulinarischer Hot-Spot: das Gra …